Wirtschaft / Marktplatz

Kein Entweder-oder

Gute Wirtschaftspolitik braucht Mut zu Reformen und die richtigen Weichenstellungen. Um dazu beizutragen, erörtern wir im „Marktplatz“ regelmäßig drängende ordnungspolitische Themen. Diesmal: der Lockdown.

Text: Karen Horn

Die zweite Coronawelle ist da. Wieder tut sich in den Debatten über die gesundheitspolitischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie diese falsche Entweder-oder-Frage auf: Ist denn die Gesundheit so viel wichtiger als der wirtschaftliche Wohlstand, dass wir ihr „alles“ opfern müssen? Solche Zuspitzungen rund um das Thema „Lockdown“ sind unangemessen. Sie tun allen einen Tort an, die sich in Politik und Wissenschaft seit Monaten verantwortungsvoll, wenn auch nicht immer trittsicher um einen vernünftigen Kurs bemühen. Vor allem aber ist es ein Irrtum zu meinen, Gesundheit und Wohlstand seien konträre Ziele. Es gibt das eine nicht ohne das andere. Die Diskussion erinnert ein wenig an die Auseinandersetzung um stabile Preise und Beschäftigung in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Als Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) sagte, er ertrage ”lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“, konnte er sich dafür sogar noch auf eine Theorie stützen: die sogenannte Phillips-Kurve, die ein solches Entweder-oder postulierte. Freilich dauerte es nicht lange, bis Ökonomen herausfanden, dass diese Kurve sich mittelfristig verschiebt und dass die postulierte Austauschbarkeit der beiden Zielgrößen am Ende ganz verschwindet. Dann kann man ein höheres Preisniveau bekommen, aber die Beschäftigung nimmt trotzdem nicht zu. Analog ist es auch im Verhältnis zwischen Gesundheit und Wohlstand: Wenn wir eines dem anderen opfern, haben wir am Ende womöglich noch weniger von beidem. Das nennt man «mit Zitronen handeln».

„Nur wenn die Gesundheitsrisiken eingedämmt sind, kann sich die Wirtschaft erholen.“

Man muss also so navigieren, dass die Kosten für die Gesellschaft insgesamt nicht unnötig in die Höhe schießen. Sie sind auch so exorbitant. Die Ökonomen David Cutler und Lawrence Summers haben für die USA eine vorsichtige Schätzung versucht; wobei sie auch die sonst oft vernachlässigte Tatsache berücksichtigen, dass viele, auch jüngere Genesene mit ihren Folgeschäden das Gesundheitssystem über viele Jahrzehnte hinweg schwer belasten werden. Das Kostenvolumen beläuft sich demnach auf fast die gesamte Wertschöpfung eines Jahres (Vorkrisenniveau). Gesundheitspolitische Maßnahmen – bis hin zum Lockdown – müssen konsequent genug sein, um wirklich zu greifen, auch damit die Menschen wieder Zukunftsvertrauen gewinnen. Nur dann, so hat es auch der Internationale Währungsfonds im World Economic Outlook betont, werden die direkten und indirekten gesundheitlichen Pandemieschäden – Todesfälle, schwere Verläufe, Trauer, Depression, Angst – wieder weniger; nur dann gehen die Leute gern wieder vor die Tür, arbeiten, produzieren, investieren, konsumieren. Und nur wenn die Gesundheitsrisiken eingedämmt sind, kann sich die Wirtschaft erholen. Gesundheit und Wohlstand bedingen einander.

Karen Horn lehrt ökonomische Ideengeschichte und Wirtschaftsjournalismus an der Universität Erfurt. Zudem ist sie Chefredakteurin der Fachzeitschrift „Perspektiven der Wirtschaftspolitik“ (PWP).

Foto/Video: Karen Horn