Kultur

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Importierte Intransparenz

Weltweit vermitteln die aus Peking finanzierten Konfuzius-Institute an Universitäten die Kultur und Sprache Chinas. Auch in Deutschland. Kritiker sehen sie als Teil des chinesischen Propaganda-Apparats. Zu Recht?

Importierte Intransparenz

Weltweit vermitteln die aus Peking finanzierten Konfuzius-Institute an Universitäten die Kultur und Sprache Chinas. Auch in Deutschland. Kritiker sehen sie als Teil des chinesischen Propaganda-Apparats. Zu Recht?

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Text: Mareike Ohlberg

Die Freie Universität Berlin (FU) lässt sich von China eine Professur bezahlen: den Ende 2019 neu geschaffenen Lehrstuhl für die Didaktik des Chinesischen. Erst vor Kurzem kam infolge einer auf das Informationsfreiheitsgesetz gestützten Anfrage ans Licht, dass die Finanzierung dieses Lehrstuhls mit der Auflage verbunden war, kein chinesisches Recht zu verletzen.

Die Professur ergänzt die Aktivitäten des seit 2006 an der FU angesiedelten, ebenfalls von China geförderten Konfuzius-Instituts, des ersten von mittlerweile 19 solcher Institute in Deutschland. Sie sollen offiziell chinesische Sprach- und Kulturkenntnisse vermitteln. Kritiker sehen sie als Propaganda-Instrumente der chinesischen Regierung. Im englischsprachigen Raum sind sie schon seit einigen Jahren in der Kritik. Nun geraten sie auch hierzulande zunehmend in den Fokus der öffentlichen Debatte. Die Sorge vor Zensur und Überwachung an deutschen Universitäten wächst.

Mehrere Leiter deutscher Konfuzius-Institute reagierten im August in einem gemeinsamen Positionspapier abwiegelnd auf die zunehmende Kritik. Die Institute seien lediglich Foren des Dialogs, Orte des wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs, hieß es. Ist die Angst vor Konfuzius-Instituten also reine Panikmache? Die Antwort auf diese Frage muss differenzierter sein, als das Positionspapier suggeriert.

„Der Hinweis, dass die Institute nicht direkt der Kommunistischen Partei unterstünden, ist problematisch.“

Der häufig vorgebrachte Hinweis, dass die Konfuzius-Institute nicht direkt der Kommunistischen Partei unterstünden, sondern dem chinesischen Bildungsministerium zugeordnet seien, ist problematisch. Erstens wird das Ministerium von der Zentralen Propaganda-Abteilung der Partei angeleitet, die unter dem Namen „Informationsbüro des Staatsrats“ mit der Außenwelt in Kontakt tritt. In China gehen Bildungs- und Propaganda-Auftrag ineinander über, wie auch die verstärkten ideologischen Kontrollen an chinesischen Universitäten unter Staatspräsident Xi Jinping zeigen. Die Konfuzius-Institute werden in China selbstverständlich als Ableger des Propaganda-Apparats verstanden. Sie sollen das Image des Landes verbessern und seine Diskursmacht steigern.

Zweitens ist die tatsächliche Zuständigkeit für die Institute innerhalb der chinesischen Bürokratie komplexer, als es Befürworter behaupten. Bis vor Kurzem unterstanden die Konfuzius-Institute in China dem Nationalen Amt für Chinesisch als Fremdsprache, dem Hanban. Gegründet wurde dieses als Büro einer der von der Kommunistischen Partei eingerichteten sogenannten Führungsgruppen, und zwar der Führungsgruppe für die internationale Verbreitung der chinesischen Sprache. Diese Führungsgruppe wurde zwar 2008 offiziell aufgelöst und gab ihre Aufgaben an das Bildungsministerium ab. Das war jedoch nur Kosmetik: Die Staats- und Parteiorgane, die vorher die Führungsgruppe bildeten, sind nun im Leitungsrat des Hanban vertreten.

Meister Konfuzius

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Wann lebte er? Geboren wurde Konfuzius um 551 v. Chr. in der Region zwi­schen Peking und Shanghai. Damals bestand das heutige China aus vie­len zerstrittenen Fürstentümern. Sie führten Kriege gegeneinander, allerorten herrschte Chaos und Instabilität.

Was lehrte er? Zwietracht und Unruhe hätten nur ein Ende, wenn jeder Mensch sich auf sein moralisches Handeln besinne und danach strebe, ein „Edler“ zu werden, der nach vier Tugenden lebt: Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, Liebe zu Eltern und Ahnen sowie die Einhaltung ritueller Höflichkeit und Etikette. Der Weg dorthin führe maßgeblich über die Bildung. In Kombination mit der Tüchtigkeit könnte sie schlechte Gefühle wie den Neid besiegen und ermögliche Gleichmut und Gleichgewicht.

Welchen Einfluss hatte er? Als Wanderlehrer zog Konfuzius durchs Land, Kinder armer Familien unterrichtete er kostenlos. Schriften hinterließ er allerdings nicht. Nach seinem Tod um 479 v. Chr. dauerte es rund 100 Jahre, bis Anhänger seine Lehren zusammenfassten und Konfuzius große Anerkennung fand. Seine Lehren prägten über Jahrhunderte hinweg die Philosophie sowie die Staats- und Soziallehre in China.

Vorsitzende des Leitungsrats ist Sun Chunlan, gleichzeitig Leiterin der Einheitsfront-Abteilung und Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei. Die Abteilung für Einheitsfront-Arbeit ist eine Einflussorganisation, zuständig für Blockparteien und Massenorganisationen, Jugendverbände, Gewerkschaften, Berufsverbände, religiöse und ethnische Minderheiten sowie sämtliche gesellschaftliche Gruppen, die unter die Führung der Partei gebracht werden sollen. Auch Chinesen im Ausland sollen über die Abteilung für Einheitsfront an die Partei gebunden werden.

Der Leitungsrat hat noch elf weitere permanente Mitglieder, die Staats- und Parteibehörden vertreten, unter anderem das Informationsbüro der Zentralen Propaganda-Abteilung der Kommunistischen Partei. Zusätzlich kommen als nicht permanente Mitglieder im rotierenden Wechsel fünf chinesische Professoren sowie zehn internationale Direktoren von Konfuzius-Instituten hinzu. Im Vergleich zu den permanenten Mitgliedern haben diese kaum etwas zu sagen; in der chinesischen Berichterstattung stehen sie trotzdem im Vordergrund. Eine vollständige Liste der aktuellen Mitglieder des Leitungsrat ist in öffentlich zugänglichen offiziellen chinesischen Quellen nicht zu finden.

Im Juli hatte der Hanban angekündigt, die Konfuzius-Institute sollten fortan der Chinesischen Stiftung für internationale chinesische Sprachbildung unterstellt werden, einer von Universitäten und Unternehmen gegründeten wohltätigen Einrichtung. Es wäre zu begrüßen, wenn das einen Schritt weg von der Parteikontrolle bedeutete. Doch das ist wenig wahrscheinlich. Wieder erscheint die Änderung kosmetisch: ein Versuch, auf internationale Kritik zu reagieren, indem man die Rolle der Partei verschleiert. Was fortan die Rolle des Leitungsrats sein soll, ist unklar; auf eine Auflösung deutet nichts hin.

Die Konfuzius-Institute in aller Welt sind unterschiedlich transparent und die Eingriffe in die Aktivitäten ihrer Aufnahmeuniversitäten unterschiedlich stark. Während mancherorts Druck auf Lehrpersonal aufgebaut wird, gelangen woanders auch Themen auf die Agenda, die in China kontrovers sind.

Die Leiterin des Hanban, der die Konferenz mitfinanzierte, störte sich daran, dass das Konferenzprogramm eine Anzeige der taiwanesischen Chiang-Ching-kuo-Stiftung enthielt, die ebenfalls Geld für die Konferenz gegeben hatte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion konfiszierten Mitarbeiter des Hanban sämtliche Programmhefte und trennten mehrere Seiten fein säuberlich heraus. Die Konferenzteilnehmer waren schockiert, aber sonst fand der Vorfall wenig Beachtung.

Grundsätzlich befinden sich große und einflussreiche Universitäten in einer stärkeren Verhandlungsposition als kleinere oder weniger angesehene. In den Vereinigten Staaten hat zum Beispiel die Stanford University in den Verhandlungen mit dem Hanban durchgesetzt, dass sensible Themen an ihrem Konfuzius-Institut nicht grundsätzlich verboten sind. Wie umfassend und in welcher Form sich der Hanban den Ausschluss solcher Themen in Deutschland vertraglich zusagen ließ, ist abgesehen vom Berliner Fall unbekannt – vor allem deswegen, weil die Verträge nicht öffentlich sind.

Renommierte Universitäten, die Konfuzius-Institute aufnehmen, müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass sie einem Format Legitimität verleihen, das häufig eingesetzt wird, um kleinere Akteure unter Druck zu setzen. Gleichzeitig darf die Debatte um Konfuzius-Institute aber auch nicht zu einer Stellvertreterdebatte für eine viel breiter angelegte Problematik werden. Die Frage, wie mit in China sensiblen Themen umgegangen wird, betrifft nicht nur die Konfuzius-Institute, sondern alle Forscher und Institutionen, die ihren Zugang zu China nicht gefährden wollen.

Deutschland muss mehr in seine Chinakompetenz investieren. Einige sinologische Institute verweisen zu Recht darauf, dass ihnen die Gelder so stark gekürzt wurden, dass sie ohne chinesische Finanzierung keine ausreichende Sprachausbildung anbieten könnten. Schließungen von Konfuzius-Instituten ohne eine Alternativoption anzubieten, wäre nicht sinnvoll. Ziel muss sein, chinesische Gelder nach und nach durch eigene Mittel zu ersetzen und zu erweitern. Nur so können wir dauerhaft unabhängige Chinakompetenz aufbauen und dem zunehmenden Einfluss der Partei zumindest in Teilen entgegenwirken.

Mareike Ohlberg promovierte über Chinas Außenpropaganda und ist Senior Fellow beim German Marshall Fund. Ihr aktuelles Buch: „Die lautlose Eroberung: Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet“ (mit Clive Hamilton), DVA, 26 Euro.

Foto: Schattke GmbH & Co KG