Kultur

FUNDSTÜCK


Als die Magie ausdiente

Wortgewaltig bereicherte Max Weber den gesellschaftlichen Blick auf Unbekanntes. Auch heute noch bietet sein Denken ein Bollwerk gegen Verschwörungstheorien.

Text: Thomas Volkmann

Die Bedeutung Max Webers (1864–1920) für das geistige Leben in Deutschland war zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewaltig, und seine Ideen wirken bis in die Gegenwart fort. Sie fanden und finden ein großes Publikum – vor allem auch, weil er liberale, fortschrittliche, zukunftsweisende Grundsätze wortgewaltig und mit begeisterndem Eifer vortrug. Sein Tod verhindert eine Diskussion darüber, wie sich die Weimarer Republik entwickelt hätte, hätte sich Weber als Denker und liberaler Politiker weiter einbringen können. Das Gesamtwerk dieser „Einmann-Wissenschaftsmaschine“ (Biograf Dirk Kaes­ler) zu Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Kultur und Religion ist auch heute noch faszinierend. Die hier zitierten Ausführungen, die Weber 1917 auf Einladung des „Freistundentischen Bundes“ in München vortrug, sind geprägt von einem liberalen, tiefen Fortschrittsglauben. Vernunft ist für ihn der Motor der Wissenschaft wie der Gesellschaft. Jede Modernisierung der Gesellschaft sieht er in einer zunehmenden Intellektualisierung und Rationalisierung begründet, also einer zunehmenden Bedeutung von Aufklärung im Sinne Kants – als Mut, sich seines Verstandes zu bedienen. Simpel ausgedrückt: Alles ist prinzipiell rational erklärbar. Was erklärt oder erklärbar ist, ist nicht mehr geheimnisvoll, sondern im besten Sinne beherrschbar, begreiflich. Sein Ansatz führt zur Entmystifizierung der Welt, denn es gibt keine übergeordneten, geheimnisvollen Mächte mehr und auch keine Unerklärlichkeiten, die die Menschen vom Gebrauch ihrer Vernunft abhalten. Weber versucht, mit diesem Handwerkszeug menschliche Gemeinschaft zu systematisieren, um sie überblicken und ihre Entwicklungslinien erkennen zu können. Der liberal denkende Mensch brauche keine Mythen zur Erklärung der Welt, keine Zaubereien, kein Geheimwissen. Diese Nüchternheit und Rationalität, verbunden mit Webers Überzeugung und Konsequenz in der Darstellung, wäre auch heute angebracht, wo viele Menschen wieder Verschwörungstheorien erliegen, an dunkle Mächte glauben oder ihr Heil in sektiererischen Identitätsgemeinschaften suchen.

Buchcover: Utb

Max Weber Wissenschaft als Beruf/Politik als Beruf

Seine berühmten Reden historisch-kritisch kommentiert. UTB 2020, 15 Euro

Entzauberung der Welt

Text: Max Weber

„Der wissenschaftliche Fortschritt ist ein Bruchteil, und zwar der wichtigste Bruchteil, jenes Intellektualisierungsprozesses, dem wir seit Jahrtausenden unterliegen, und zu dem heute üblicherweise in so außerordentlich negativer Art Stellung genommen wird. Machen wir uns zunächst klar, was denn eigentlich diese intellektualistische Rationalisierung durch Wissenschaft und wissenschaftlich orientierte Technik praktisch bedeutet. […] Wer von uns auf der Straßenbahn fährt, hat – wenn er nicht Fachphysiker ist – keine Ahnung, wie sie das macht, sich in Bewegung zu setzen. Er braucht auch nichts davon zu wissen. Es genügt ihm, daß er auf das Verhalten des Straßenbahnwagens »rechnen« kann, er orientiert sein Verhalten daran; aber wie man eine Trambahn so herstellt, daß sie sich bewegt, davon weiß er nichts. […] Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muß man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das.“

Bild: Granger Historical Picture Archive / Alamy Stock Photo

Iris Bohnet: „What works – Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann“

C.H. Beck Verlag, München 2017

Buchcover: C.H.Beck

BUCHKRITIK


Neue Spielregeln für mehr Diversität

Männliche Sekretäre sind eine Ausnahme, und Frauen tun sich in einer von Männern geprägten Berufswelt schwer. Das liegt wesentlich an unserer verzerrten Wahrnehmung. Die Ökonomin Iris Bohnet hat Vorschläge, wie sich das ändern lässt.

Text: Bettina Stark-Watzinger

Dieses Buch ist im besten Sinne des Wortes eine Zumutung. Allzu oft muss man sich darin selbst wiedererkennen – und erschrickt. Denn Iris Bohnet, Professorin an der Harvard Kennedy School in Cambridge, Massachusetts, legt schonungslos die Grenzen unserer Urteilskraft über Menschen offen, ohne freilich den moralischen Zeigefinger zu erheben. Mit vielen praktischen Beispielen zeigt die Verhaltensökonomin, dass Menschen in 80 bis 90 Prozent ihrer Einschätzungen keiner nüchternen Analyse, sondern der Intuition folgen: dem Bauchgefühl. Nur ist unsere Wahrnehmung, die dieses Bauchgefühl nährt, systematisch verzerrt. Wir sind lange nicht so rational, wie wir meinen, und urteilen allzu oft auf der Grundlage von Stereotypen und überkommenen Normen – so sehr wir auch nach den Idealen der Aufklärung zu leben glauben.

„Menschen folgen in 80 bis 90 Prozent der Entscheidun­gen ihrem Bauchgefühl.“

Deshalb sind wir bei allem guten Willen auch längst nicht alle davon frei, zwischen den Geschlechtern zu diskriminieren – und zwar immer dann, wenn Männer oder Frauen gegen die ihnen gesellschaftlich zugeschriebenen, uns vertrauten und sich hartnäckig haltenden Rollenbilder verstoßen. Deshalb sind Männer, die als Sekretäre oder Erzieher ihren Lebensunterhalt verdienen, bis heute eher die Ausnahme, und Frauen tun sich nach wie vor schwer, in eine traditionell von Männern geprägte Berufswelt vorzudringen. Wenn wir auf dem Weg zur Diversität so lange brauchen, liegt das an unseren Prägungen.

BUCHKRITIK


Ichenhausen und Tel Aviv

Rafael Seligmann erzählt die Geschichte seines Vaters. Bisher sind zwei Bände erschienen, ein dritter wird wohl folgen. Ein privates Buch mit politischem Inhalt.

Text: Karl-Heinz Paqué

Nächstes Jahr erwartet uns ein besonderes Jubiläum. Wir begehen 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Als Einstieg in das Thema gut dazu passend, hat der Journalist, Publizist und Autor Rafael Seligmann die Geschichte seines Vaters Ludwig Seligmann vorgelegt – in bisher zwei Bänden, ein dritter wird wohl folgen. Auf der Grundlage von Aufzeichnungen des Vaters sowie von vielen Gesprächen mit Verwandten beschreibt er in der Ich-Form ein jüdisches Leben zunächst von den Zwanzigerjahren bis 1934 in Ichenhausen im bayrischen Schwaben, anschließend von 1934 bis 1957 in Tel Aviv.

Es ist eine merkwürdig mitreißende Geschichte, auch wenn (oder gerade weil) die Bücher in einfacher Sprache daherkommen, ohne literarische Kunstgriffe und Schnörkel. Es ist das Realistische der Handlung, manchmal auch das Alltägliche, lakonisch erzählt, das fesselt. Seligmann zeichnet ein Milieubild des Lebens einer normalen jüdischen Kaufmannsfamilie in der süddeutschen Provinz. Der Vater depressiver Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg, die beiden Söhne völlig unterschiedlich: Heinrich, der Ältere, ein zupackender, reeller, aber etwas beschränkter Bursche; Ludwig, der Jüngere, begabt und Mutters Liebling. Zu Ärger und Eifersucht des Älteren darf er zeitweise das Gymnasium besuchen, muss dann aber auch zur Ernährung der Familie beitragen, weil der Vater praktisch ausfällt.

Rafael Seligmann „Lauf, Ludwig, lauf!“ Eine Jugend zwischen Fußball und Synagoge. Langen Müller, Stuttgart 2019. 320 Seiten, 24 Euro