Wirtschaft

Raus aufs Land

Auf einmal träumen viele Menschen wieder vom Häuschen im Grünen, von guter Luft und mehr Platz zum Wohnen. Die Coronapandemie verändert unsere Sicht auf Stadt und Land. Erleben wir nun das Comeback der ländlichen Räume?

Text: Dirk Assmann Foto: Timo Knorr

Corona hat Deutschland und Europa wieder fest im Griff. Lange sah es so aus, als würde sich die „zweite Welle“ auf die Großstädte beschränken. Insbesondere Berlin musste mit dem Ruf des deutschen Corona-Hotspots leben. Inzwischen macht das Virus jedoch keinen Unterschied mehr zwischen urbanen und ländlichen Gegenden. Dennoch: Die Coronapandemie hat das Potenzial, unsere Sicht auf Stadt und Land langfristig zu verändern. Das betrifft auch die Wahl unseres Wohnorts. In den vergangenen Monaten sind Entwicklungen in Gang gekommen, die dem Leben auf dem Land auch dauerhaft neue Attraktivität verleihen könnten. Erstens hat Corona den Trend zum mobilen Arbeiten massiv beschleunigt. Sicher, auch in Zukunft werden wir zeitweise aus dem Büro arbeiten, viel zu wichtig ist der gelegentliche persönliche Austausch. Doch wir können davon ausgehen, dass sich auch in der ersehnten Zeit nach Corona die Arbeit aus dem Homeoffice auf einem deutlich höheren Niveau einpendeln wird. Diese Entwicklung ist gut. Sie hilft, Beruf und Familie zu vereinbaren. Gleichzeitig lässt sie den Menschen mehr Freiheit in der Wahl ihres Wohnorts: Wenn wir in Zukunft nicht jeden Tag ins Büro pendeln müssen, können wir auch neue Standorte in den Blick nehmen. Das zeigt auch der Digitalisierungsmonitor der FDP-Bundestagsfraktion: 51 Prozent der befragten Stadtbewohner können sich ein Leben im ländlichen Raum vorstellen, falls die Möglichkeiten zum Homeoffice weiter ausgebaut werden. Zweitens ändern sich auch die Anforderungen, die wir an unsere Wohnung stellen. Vor Corona sahen wir ein eigenes Arbeitszimmer als unnötig an, nun sind wir es vielleicht leid, ständig in der Küche oder zwischen Kinderspielsachen zu arbeiten. Der Frühjahrs-Lockdown hat uns vielleicht auch die Vorzüge einer eigenen Terrasse oder gar eines eigenen Gartens vor Augen geführt. Doch all diese Dinge benötigen Platz – Platz, der in den meisten Städten nur schwierig zu finden und noch schwieriger zu finanzieren ist. Drittens fühlt sich das Leben auf dem Land schlicht und einfach weniger beengt an. In Zeiten, in denen wir voneinander Abstand halten müssen, lernen wir dieses Gefühl zu schätzen. Früher haben wir das urbane Lebensgefühl noch uneingeschränkt genossen; in Zeiten von Corona können Menschenansammlungen ein ungutes Gefühl in uns hervorrufen.

„Es wird auch nach Corona mehr Homeoffice geben. Damit lassen sich Beruf und Familie besser vereinbaren.“

Wie wir die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen individuell wahrnehmen, hängt natürlich von unseren persönlichen Lebensentwürfen und -situationen ab. Und die sind unterschiedlich und werden es gewiss auch bleiben. Mit einer generellen, massenhaften Stadtflucht müssen wir deshalb wohl kaum rechnen. Zu groß sind die Vorzüge, die das urbane Leben für viele von uns weiterhin bringt. Doch klar ist auch: Infolge der aktuellen Entwicklungen könnten mehr Menschen ein Leben auf dem Land – und nicht nur in den „Speckgürteln“ der großen Städte – in Erwägung ziehen. Für die vielen kleinen Gemeinden in Deutschland ist das eine große Chance. Viel zu oft kannte man von ihnen nur noch Abwanderung und Wohnungsleerstand. Dieser Zustand könnte sich nun ändern. Dies hätte nicht nur Vorteile für die ländlichen Räume selbst, sondern es könnte auch die angespannten Wohnungsmärkte in den Städten entlasten. Damit der ländliche Raum ein echtes Comeback erlebt, müssen aber erst noch einige Voraussetzungen erfüllt werden. Das Homeoffice „im Grünen“ zum Beispiel kann nur mit schnellem Internet Wirklichkeit werden. Es braucht deshalb dringend eine Digitalisierungsoffensive für den ländlichen Raum. Auch die gelegentliche Fahrt ins Büro mögen die meisten von uns nur dann in Kauf nehmen, wenn Stadt und Land durch eine zeitgemäße Verkehrsinfrastruktur verbunden sind. Wenn diese Voraussetzungen endlich gegeben sind, besteht tatsächlich die Chance, dass Land und Stadt langfristig profitieren können – und vor allem die Menschen, die mehr Optionen zur Auswahl haben. Aus liberaler Sicht ist klar: Jeder soll dort wohnen können, wo er möchte und es für ihn am besten passt.

Dirk Assmann ist Referent für Innovationsräume und Urbanisierung im Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Foto: privat