Wirtschaft

Im Tempo der Schildkröte

Auf Teslas Baustelle in Brandenburg geht es zügig voran. Doch damit täglich Zigtausende Beschäftigte, 23 Güterzüge und 1500 Lastwagen zur Giga-Fabrik gelangen, muss die Infrastruktur massiv ausgebaut werden. Doch das wird länger dauern, als es Elon Musk lieb ist.

Text: Maike Rademaker Fotos: Dietmar Gunne

Die Sumpfschildkröte, Sinnbild der Langsamkeit, ist Grünheides Wappentier.

Eine Sumpfschildkröte entsteigt den Wasserwellen. Das Wappentier von Grünheide prangt auf der Fassade des rot geklinkerten Rathauses der kleinen Gemeinde südöstlich von Berlin sowie auf der Fahne am Springbrunnen auf dem Vorplatz. Das Tierchen, Sinnbild der Langsamkeit, lebte bis ins 20. Jahrhundert in den umliegenden Wasserläufen; jetzt pflegt ein Verein die noch verbliebenen Exemplare. Die rasche Beschleunigung, wie sie das Elektroauto Tesla bewerkstelligt, passt nicht wirklich zu Grünheide. Aber es sind nur wenige Kilometer bis zu der derzeit aufregendsten und schnellsten Baustelle der Republik, der künftigen Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg. Schon vor Monaten wurden die Bäume gefällt. Längst stehen ganze Gebäudewände. Rund ein Dutzend Kräne schwenken ihre Arme, und auf dem sandigen Gelände parken reihenweise Lastwagen. Es wird Tag und Nacht gearbeitet. Vor Kurzem hat Tesla die sechste Sondergenehmigung für den Bau beantragt. Wenn es nach Tesla-Chef Elon Musk geht, werden hier ab Juli Tausende Ingenieure, Softwareexperten, Verwaltungskräfte arbeiten und die ersten 150 000 Teslas vom Band rollen. Bei vollem Ausbau sollen es 40 000 Mitarbeiter sein, und 500 000 Autos. Aber es geht nicht alles nach Elon Musk. Da­ran ist diesmal nicht die berüchtigte Fledermaus schuld: Die eine, die hier lebte, ist umgesiedelt worden, ebenso wie die Zauneidechse und die elf Waldameisennester. Das Problem wird wohl auch nicht die Genehmigung sein, über die im Dezember entschieden werden soll. Es könnte hier zwar zu einer Verzögerung kommen, denn die Kritiker fordern, dass die Baupläne neu ausliegen müssen, weil beim ersten Mal Dokumente fehlten. „Hier ist sehr viel im Nebel gewesen“, sagt Christiane Schröder, Geschäftsführerin des Landesverbands Brandenburg im Naturschutzbund Deutschland (NABU). Aber auch sie rechnet nicht damit, dass die Fabrik, deren Bau schon so weit fortgeschritten ist, noch gänzlich verhindert werden kann.

„Bei der Eisenbahn ist die Sicherheit zentral, da muss viel vorher geklärt werden.“

Sascha Gehm, Baudezernent

Große Teile des geplanten Geländes sind bereits gerodet. Einzelne Bauteile stehen noch allein auf der planierten Fläche.

Tatsächliche Probleme drohen Tesla woanders: bei der öffentlichen Infrastruktur für das Megaprojekt, der Blutader zum Werk. „Auch die fortschrittlichste Fabrik der Welt wird nur dann erfolgreich sein, wenn die Mitarbeiter schnell und komfortabel zur Fabrik kommen“, mahnte Tesla-Projektmanager Alexander Riederer im August vor dem In­frastrukturausschuss des brandenburgischen Landtags. Damit die Bänder kontinuierlich liefen, müsse die Just-in-time-Zulieferung „jedes Mal genau dann ankommen, wenn sie anzukommen hat“. Die Infrastrukturentwicklung habe deswegen „absolut oberste Priorität“. Es geht um viel: um einen neuen Bahnhof, Straßenausbau, Gleise, um neue Autobahnausfahrten, eine Brücke, Fahrradwege, um Wohnungen und Parkplätze. Es geht darum, dass im Sommer 2021 die ersten 12 000 Beschäftigten zum Werk kommen. Bei Vollausbau rechnet man mit 23 Güterzügen und 1500 Lastwagen am Tag für die Fabrik. Doch bisher ist ausgerechnet hier wenig geschehen. Zum Beispiel der Bahnhof. Die Haltestelle, um die es geht, heißt „Fangschleuse“ und liegt direkt oberhalb vom Tesla-Gelände, im Wald. Der Regionalexpress hält hier derzeit einmal pro Stunde auf seinem Weg nach und von Frankfurt/Oder. Neben dem Bahnhof liegen ein kleiner Parkplatz, eine Zimmerei und das Restaurant „Dionysos“. „Fangschleuse“ soll verlegt werden, näher ans Werk. Doch gebaut wird hier nirgends.

Lkw bringen täglich mehr Material und es geht zügig voran.

Zuständig ist die Deutsche Bahn AG. Einen Zeitplan für die Verlegung gibt es allerdings noch nicht. Geplant ist deswegen erst einmal eine Taktverdichtung auf 30 Minuten ab Dezember, indem ein bisher durchfahrender Zug dann halten wird. Allerdings ist der Bahnsteig eigentlich zu kurz für Tausende zusätzliche Passagiere. Tief im Bebauungsplan findet sich der Zeitplan für alle Bahnprojekte: Mit einem Vollausbau der Eisenbahninfrastruktur könne „nicht vor 2024“ gerechnet werden, unter anderem wegen der Planungsverfahren. Ein altes Problem: „Bei der Eisenbahn ist die Sicherheit immer zentral, da muss viel vorher geklärt werden. Das soll nun in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit erfolgen, während Verfahren und Behörden darauf eingestellt sind, dass solche Mammutprojekte zehn Jahre dauern können“, sagt der stellvertretende Landrat und Baudezernent des Landkreises, Sascha Gehm (CDU). Bleiben die Straßen als Alternative für Mensch und Material. Schon jetzt donnern Lastwagen im Minutentakt via Landstraße durch die Gemeinden. Eine Straße soll neu gebaut werden, die L386, um die Bahn zu entlasten. „Da pressiert es“, sagt Gehm. „Das ist ein Meilenstein, der zeigen wird, ob die öffentliche Hand mithalten kann.“ Die Pläne dafür sollen bis Ende des Jahres stehen. Das werde aber „nicht ohne Reibungsverluste abgehen“, so der Baudezernent.