Kultur / Update

Der Sündenfall

Der „Stern“ gab ein ganzes Heft in die Hände der Klimaaktivisten von „Fridays for Future“. Damit hat die Redaktion mit dem journalistischen Berufsethos gebrochen.

Text: Michael Hirz Foto: Ramona Ring

Menschen in Panik haben eine fatale Neigung dazu, ihre Situation durch Fehler zu verschlimmern. Entscheider sind da keine Ausnahme, auch Entscheider in Redaktionen nicht. Beispiel? Anders als mit Panik lässt sich kaum erklären, was die Chefredaktion des „Stern“ dazu gebracht haben könnte, ein ganzes Heft gemeinsam mit den Klimaaktivisten von „Fridays for Future“ zu gestalten. Die Auflage des einst stolzen Magazins ist im dramatischen Sinkflug, und da soll nun offensichtlich der Abwurf von journalistischem Handwerkszeug die nötige Mindesthöhe wiederherstellen. Dumm nur, wenn der Pilot gerade im Steuerknüppel den verzichtbaren Ballast sieht.

Denn was macht Journalismus aus? Es ist der ernsthafte Versuch, möglichst unabhängig und objektiv über Sachverhalte zu informieren, Hintergründe und Verbindungen auszuleuchten und Fakten einzuordnen. Da wir immer noch nicht in einer idealen Welt leben, kann das nur ein Versuch sein, aber das Bemühen sollte ernsthaft sein. Nur so entsteht das, was für ein publizistisches Geschäftsmodell die Basis legt: Glaubwürdigkeit. Vertrauen darauf, dass die Information, die geschrieben oder gesendet wird, richtig ist. Dass sie nicht das zurechtgebogene Ergebnis der Taktik einer Interessengruppe ist – unabhängig davon, ob es sich um Wirtschaftslobbyisten oder Glaubensgemeinschaften handelt.

„Jeder darf für sein Weltbild werben, notfalls auch missionieren – Journalismus darf das nicht.“

Auch die haben alles Recht, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Aber dieses Recht nehmen sie längst schon ganz selbstverständlich wahr: Ob Krankenkasse oder Kirchengemeinde, Bäckerinnung oder Greenpeace, alle haben ihre Verlautbarungsorgane und nutzen sie mit großem Aufwand. Sie tun es unter eigener Flagge, mit eigenen Mitteln, vor allem erkennbar. Diese Transparenz hilft dem Publikum bei der Einordnung. Der Leser kann so unterscheiden, ob es sich um Lobbyismus oder Journalismus handelt.

Der „Stern“ hat die Zusammenarbeit mit „Fridays for Future“ nicht verschleiert. Dennoch bleibt sie ein Sündenfall. Aktivisten für alles Mögliche, auch für das unbestreitbar wichtige Thema Klimawandel, gibt es zur Genüge. Doch Journalisten dürfen keine Aktivisten sein. Redaktionen, die dieses Selbstverständnis nicht verinnerlicht haben, braucht kein Mensch und eine offene, pluralistische Gesellschaft schon gar nicht. Jeder darf für sein Weltbild werben, notfalls auch missionieren – Journalismus darf das nicht. Der „Stern“ hat mit seiner Aktion, ob aus hehrer Gesinnung oder um eine junge Zielgruppe zu umschmeicheln, Verrat an den Grundlagen des Journalismus begangen. Und das zu einer Zeit, in der angesichts von Fake News und Desinformation das Bemühen um belastbare Fakten so wichtig ist wie selten zuvor.