Gesellschaft

Foto: André Wirsig (Katja Erfurth in der „Körpermaske“ vom „Geometrischen Ballett“ von Ursula Sax)

Wagemut der Vielfalt

Der Philosoph Ernst Cassirer (1874–1945) ist der Denker liberaler Vielfalt par excellence: kulturell, politisch, ökonomisch. Er stemmte sich in der Weimarer Republik gegen das enge Denken und entwickelte das Ideal einer freien, selbstbestimmten kulturellen Existenz. Zeit, ihn neu zu entdecken.

Text: Wolfram Eilenberger

Jede Gegenwart charmiert sich mit der Gewissheit, in besonders umstürmte Zeiten gefallen zu sein. Meist wird diese Gestimmtheit von der Hoffnung begleitet, in der historischen Rückschau den einen oder anderen Leuchtturm zur Orientierung ausfindig zu machen. In der heutigen Zeit und Geistesverfassung üben die Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre dabei offenbar besondere Anziehungskraft aus, oft in Form einer mahnenden Erinnerungsgeste, seltener als Inspiration zur Sicherung einer freien Zukunft.

Tatsächlich bietet die damals zeitgeistprägende Melange von lebensweltlicher Beschleunigung, medialen Innovationen, angstbelegten Globalisierungsschüben, von linken wie rechten Populismen attackierten Demokratien sowie nicht zuletzt schwersten wirtschaftlichen Schwankungen und Crashs eine Art perfekte Deutungsmatrix für die Ängste und Sorgen auch unserer Zeit. Zumal man ja weiß, wie die rauschhafte Dynamik der sogenannten Goldenen Zwanziger endete.

Von der Feier einer individualisierenden Vielfalt ging es in das Wiedererstarken totaler Kollektivismen; vom kreativen Aufbruch in ein internationales Völkerbundsbewusstsein zurück in die nationalistische und bald auch kriegerische Verengung; von weltverwandelnden wissenschaftlichen Durchbrüchen wie Relativitätstheorie und Quantenlehre zurück in die mythisch erstarrte Denk- und Deutungsmuster der einen, einzigen und einheitlichen Weltanschauung; von der allzu freien Marktwirtschaft zurück in die staatliche Knechtschaft des zukunftsblinden Steuerns und Planens.

In der Geschichte des deutschsprachigen Philosophierens dieser Zeit gibt es indes eine Figur, die sich in Leben wie Denken sämtlichen genannten Spannungen stellte und daraus ein bis heute wegweisendes Ideal einer freien, selbstbestimmten kulturellen Existenz entwickelte: der 1874 in Breslau geborene und 1945 im New Yorker Exil verstorbene deutsch-jüdische Philosoph Ernst Cassirer.

So wenig wie es die eine Weltsprache gibt, gibt es die eine Form der Welt-erkenntnis, die jede andere symbolische Form aussticht.

In den Januarwochen 1919 wurde „doch viel geschossen in den Straßen Berlins“, wie er notierte. Das hielt ihn freilich nicht davon ab, immer wieder „inmitten von Maschinengewehrfeuer“ zur Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) zu fahren, um dort im dreizehnten Jahr seiner Lehrtätigkeit als Privatdozent zwischen ständigen Stromausfällen und Studententumulten seelenruhig seine Vorlesungen zu halten.

Als erster Professor für Philosophie an die frisch gegründete Universität Hamburg gewechselt, verfasste Cassirer zwischen 1919 bis 1929 die drei Bände seiner „Philosophie der symbolischen Formen“. Darin erschuf er das womöglich letzte tragfähige Systemgebäude des vergangenen Jahrhunderts. Als überzeugter Liberaler, der er lebenslang war, legte er zugleich auch die gedankliche Basis einer wahrhaft freien Existenz unter den Bedingungen eines durchgreifenden gesellschaftlichen Pluralismus. Cassirer ist bis heute der Denker liberaler Vielfalt par excellence: kulturell, politisch, ökonomisch.

Cassirers Philosophie freier Selbstbestimmung fußt auf einem einzigen, tiefen Leitgedanken: der Bestimmung des Menschen als, wie er sagt, „animal symbolicum“, also als zeichenverwendendes Wesen, das sich selbst, andere und die Welt nur vermittels des Gebrauchs von Sprachen und Symbolen verstehen und begreifen kann.

Das wichtigste und grundlegendste Zeichensystem unserer Existenz ist für Cassirer die jeweilig gesprochene Muttersprache. Und genau so, wie es eine natürliche Vielfalt menschlicher Sprachen gibt (Deutsch, Finnisch, Mandarin …), existiert eine solche auch für andere Weisen der Weltorientierung, wie die Wissenschaft, die Kunst, den Mythos, die Religion oder auch die Technik. Sie alle sind nach Cassirer „symbolische Formen“, um uns in dieser Welt, die wir als Kulturwesen alle miteinander teilen, handelnd zu orientieren und eigenständig zu finden.

Genauso wenig wie es aber nun die eine Weltsprache gibt, die alle anderen überragt oder fundiert, gibt es die eine Form der Welterkenntnis (etwa „die Wissenschaft“), die jede andere symbolische Form aussticht oder letztlich überflüssig macht. Cassirers Philosophie ist damit eine emphatische Feier menschlicher Vielfalt in all ihren kulturell gegebenen Weisen.

Die einzige politische Form, diese irreduzible Vielfalt der verschiedensten Zeichensysteme möglichst erkenntnisfördernd miteinander ins Verhältnis zu setzen, kann für ihn nur die Demokratie als freiheitlicher Rechtsstaat sein.

Belebender Kontrast, nicht flacher Konsens hält Cassirers Gesellschaft idealerweise zusammen.

1929 trafen Ernst Cassirer (l.) und Martin Heidegger bei den internationalen „Davoser Hochschulkursen“ aufeinander. Der Disput des bald aus NS-Deutschland fliehenden Juden und des späteren NSDAP-Mitglieds hallt bis heute nach.

Foto: Dokumentationsbibliothek Davos

Tatsächlich war Cassirer, in den Zwanzigerjahren bekennendes Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), einer der ganz wenigen Universitätsphilosophen seiner Zeit, die sich unbedingt und mit Verve zur Weimarer Republik und ihrer Verfassung bekannten.

Das eigentliche unhintergehbare Menschenrecht liegt für Ernst Cassirer in der Tradition Kants im Recht, öffentlich eigene „Zeichen zu setzen“. Nur unter dieser Bedingung vermag der Ausgang des Einzelnen aus begrenzter Einfalt in mündige Vielfalt zu gelingen – sei es in leiblicher, religiöser, künstlerischer oder wissenschaftlicher Orientierung.

Belebender Kontrast, nicht flacher Konsens hält also Cassirers Gesellschaft idealerweise zusammen. Das Ziel jeden Schöpfens ist nicht der vermassende Einklang, sondern die individualisierende Vielstimmigkeit. Geistig bleibt nichts freiheitsferner und politisch gesehen todbringender als die Zwangsvorstellung von der einen, einzigen und einheitlichen Erkenntnis- und also Lebensform am Ende allen Forschens. Wissenschaftlich ist nichts abstumpfender als die gerade unter Experten grassierende Zwangsvorstellung, der jeweils eigene -Ismus (sei es als Physikalismus, Biologismus, Neuronalismus, Ökonomismus ...) halte das Patentrezept zum Verständnis des Ganzen bereit.

Für Liberale ist besonders wichtig, dass dies auch und gerade für die reduktive Schnapsidee vom Menschen als rein nutzenmaximierendem „Homo oeconomicus“ gilt, ebenso wie für das daran anschließende gängige Dogma der impliziten Marktförmigkeit aller gesellschaftlichen Prozesse. Nichts hat der Entwicklung liberalen Gedankenguts in den vergangenen Jahrzehnten mehr geschadet als die freiwillige geistige Selbstbeschränkung auf ein einziges Erkenntnisparadigma.

Cassirers liberale Philosophie der symbolischen Formen ist der denkbar grundlegendste Konter für eine Gesellschaft, die aus reaktiver Überforderung ihr Heil oder gar ihre Wahrheit in der proaktiven Abschottung von anderen, Kontrast ermöglichenden Erkenntnisweisen sucht. Nicht abschotten und canceln, sondern kennen und verknüpfen – das muss das Ziel sein.

Die These des überzeugten Europäers Cassirer von der Muttersprache als natürlicher Grundlage selbstbestimmter Welterschließung lässt sich auch bündig auf die Frage nach einem möglichst inklusiven Verständnis von Leitkultur und Patriotismus anwenden. Die Sprache als Zentrum ist nicht nur sprudelnder Quell jeweils unterschiedlicher Landeskulturen, sondern auch vorrangiges Medium der Integration.

Mehrsprachigkeit im weitesten Sinne ist der immer schon natürliche Ausgangspunkt jeder blühenden Kultur.

Ernst Cassirer

Illustration: Gareth Southwell

„Reine Sprachen“, die sich in ihrer Entwicklung ohne vorgängige Eingebundenheit in den großen Zusammenhang aller Sprachen begreifen lassen, gibt es in Cassirers Welt ebenso wenig wie reine kulturelle Identitäten, die es zu ihrem mutmaßlichen Schutz ganz und gar von fremden Einflüssen und Anregungen zu beschützen gilt.

Andererseits bleibt kulturelle Vielfalt als eigentliche Bedingung freier Selbsterkenntnis an die aktiv gepflegte und klar vernehmbare Verschiedenheit dieser Sprachen und Identitäten gebunden. Politisch folgt daraus die Vision eines Europas der inklusiven Leitkulturen, dessen gelebter Pluralismus die Grundlage einer bedeutungsvollen Unterscheidung zwischen einem inklusiven Patriotismus und einem exkludierenden Nationalismus bietet.

Mehrsprachigkeit im weitesten Sinne ist der immer schon natürliche Ausgangspunkt jeder blühenden Kultur. Und ein vielstimmiges, föderales Europa ist gerade heute wieder ein potenzieller Leitkontinent dieser liberalen Vision eines gedeihlichen Zusammenlebens, das gelungene Integration nicht als vollständige Assimilation missverstehen muss.

Die zentralen Gefahren, denen jede moderne Kultur zu jedem Zeitpunkt ihrer Entwicklung ausgesetzt ist, sieht Cassirer vor allem in zweierlei. Erstens: Jede Kultur ist anfällig für Rückschritte. Jeder ihrer Differenzierungsschritte ist reversibel. Zweitens: Gerade in Zeiten der höchsten Krise, Spannung und Unübersichtlichkeit droht die Gefahr eines entlastenden Rückfalls in mutmaßlich maximal ordnende und eindeutig wertende Deutungsmuster, wie sie kulturell das mythische und politisch insbesondere das totalitäre Denken liefern.

Wie um den Kampf dieser zwei immer offenen Wege einer Gesellschaft – Wagemut zur Vielfalt vs. angstgetriebenes Einheitssehnen – persönlich zu verkörpern, traf Cassirer im Frühling des Jahres 1929 anlässlich einer Disputation in einem Davoser Kurhotel auf Martin Heidegger, den damals neuen Meisterdenker eines sich völkisch zu ergreifenden Deutschland. Cassirer stand in diesem heute legendären Streitgespräch mit seiner gesamten Existenz und seinem Denken für sein Ideal einer pluralen Existenz zeichenverwendender Vernunftwesen ein.

Doch nicht zuletzt dank Mithilfe von Heidegger und den seinen erfuhr dieses Ideal in Deutschland schon bald seine politische Auslöschung. In den tiefen Wirren der Zeit siegte die Rhetorik der Angst, der Eigentlichkeit und des Völkischen über die Vision einer sich öffnenden, liberalen Gesellschaft.

Cassirer wurde ins Exil getrieben, heute ist er eine fast vergessene Figur. Selbst in der Tradition des liberalen Denkens ist seine Philosophie nicht mehr präsent. Dabei gäbe es gerade heute kaum einen besseren Lotsen als den großen Philosophen der Weimarer Jahre. Es ist höchste Zeit, Ernst Cassirer und sein Werk neu zu entdecken.

LITERATUR Oswald Schwemmer, Ernst Cassirer – Ein Philosoph der europäischen Moderne, De Gruyter, 1997 Thomas Meyer, Ernst Cassirer, Ellert & Richter Verlag, 2006. Wolfram Eilenberger, Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie (1919–1929), Klett-Cotta, 2019.

Wolfram Eilenberger ist Philosoph und Schriftsteller. Sein Buch „Zeit der Zauberer“ erhielt den Bayerischen Buchpreis und in Frankreich den renommierten „Prix de Meilleur livre étranger“.

Foto: Michael Heck

Wagemut der Vielfalt

Der Philosoph Ernst Cassirer (1874–1945) ist der Denker liberaler Vielfalt par excellence: kulturell, politisch, ökonomisch. Er stemmte sich in der Weimarer Republik gegen das enge Denken und entwickelte das Ideal einer freien, selbstbestimmten kulturellen Existenz. Zeit, ihn neu zu entdecken.